Was andere sehen und du noch nicht
Es ist Dienstagmorgen. 7:42 Uhr.
Petra trinkt ihren Kaffee im Stehen. Drei ungelesene Nachrichten. 10 offene To Dos auf der Liste für heute. Und ein Zoom-Meeting um acht. Und dieses dumpfe Gefühl, das schon seit Wochen da ist, was sie in ihrem oberen Bauch sogar körperlich spürt. Sie weiss schon länger, dass irgendetwas nicht stimmt.
Mit ihr.
Aber dafür ist gerade keine Zeit. Also trinkt sie den Kaffee aus, öffnet den Laptop, und macht weiter.
Kennst du das?
Perfektionismus und Versagensangst sind nicht dasselbe
Aber sie sind ein perfektes Team, wenn es darum geht, Menschen von ihrer Gestaltungskraft abzuschneiden.
Und genau hier beginnt oft ein weiterer, sehr trauriger Verlust: der Verlust der eigenen Passion.
Denn Passion ist nicht einfach Begeisterung oder Motivation. Passion ist eine innere Ausrichtung: ein Zustand, in dem Denken, Fühlen und Handeln miteinander stimmig sind. Wenn Versagensangst übernimmt, verschiebt sich diese innere Ausrichtung. Menschen arbeiten dann nicht mehr aus Überzeugung, sondern aus Absicherung.
Der Moment, den du dir nie nimmst
Du weisst, wie wichtig Reflexion ist. Irgendwo liegt ein halbausgefülltes Workbook über Selbstführung aus dem Jahr, als du dir fest vorgenommen hattest, das endlich anzugehen. Ich provoziere hier einmal bewusst: Du weisst genau, was dir guttäte. Und trotzdem passiert es nicht.
Das System, in dem du dich täglich bewegst, ist darauf ausgelegt, dich in Bewegung zu halten: Du bist erreichbar, lieferbereit, immer verfügbar. Für echtes Innehalten bleibt da schlicht kein Platz. Jede Stunde, die du dir nimmst, fühlt sich nach Rückstand an.
Und das liegt nicht an dir, das ist strukturell. Busch & Gross zeigen in ihrer Studie zur Selbstreflexion von Führungskräften (Universitas, 2023), dass Arbeitsverdichtung und Zeitdruck im betrieblichen Alltag kaum Raum für substanzielles Nachdenken zum Beispiel über sich selbst, die eigenen Werte, das eigene Handeln lassen. Und gleichzeitig belegen sie: Wer sich diese Reflexion trotzdem nimmt, steigert damit Motivation, Energie und Engagement und das wirkt sich direkt auf das Team aus.
Du kämpfst also gegen eine tief verankerte Struktur, was es NOCH SCHWERER macht, dir bewusst Raum zu nehmen.
Dabei ist genau dieser Raum, der Raum für ehrliche Selbstreflexion, der Schlüssel zu nachhaltiger Führung. Und zu dem Gefühl, wieder wirklich präsent zu sein.
Im Artikel Self-Leadership beginnt dort, wo deine Ausreden enden schreibe ich darüber, was Selbstführung für mich bedeutet und wie ein einziger kleiner Schritt den Unterschied macht. Heute zeige ich dir, wie dieser Schritt aussehen kann.
Was du siehst und was du vor allem nicht siehst
Führungskräfte, die zu mir kommen, funktionieren fast alle hervorragend in ihren Jobs: Sie sind Experten in dem was sie tun, der Kalender ist voll, die Ergebnisse sauber dokumentiert, der Auftritt ist souverän.
Und gleichzeitig: Da ist dieses Gefühl, das immer wieder auftaucht, sich selbst aus den Augen verloren zu haben.
Die Person, die du im Meeting bist, fühlt sich regelmässig weit weg und fremd an. Eigene Reaktionen, die dir hinterher selbst komisch vorkommen. Erschöpfung, die sich durch Schlaf allein nicht mehr auflöst.
Das ist der Moment, in dem Selbstführung aufgehört und Funktionieren begonnen hat.
Echte Veränderung beginnt für mich mit einer Bestandsaufnahme. Mit diesen zwei Fragen als Startpunkt:
- Wie erlebe ich mich gerade selbst?
- Und wie erleben mich die anderen?
Die Lücke zwischen diesen beiden Antworten ist das Interessanteste, was du über dich herausfinden kannst, ich verspreche es dir.
Das Johari-Fenster: ein ehrlicher Spiegel
Das Johari-Fenster wurde in den 1950er Jahren von den Psychologen Joseph Luft und Harry Ingham entwickelt. Die Idee dahinter ist, dass es vier Bereiche dessen gibt, was du über dich weisst und was andere über dich wissen.
Öffentlich: was ich kenne und was andere auch sehen. Klare Stärken, bekannte Eigenheiten. Hier fühlt sich Führung leicht an.
Geheim: was ich von mir weiss, aber noch nicht zeige. Vielleicht aus Vorsicht oder aus Gewohnheit. Hier steckt oft ungelebtes Potenzial.
Blinder Fleck: was andere an mir wahrnehmen, was mir aber selbst nicht bewusst ist. Dieser Bereich ist der entscheidende für echte Entwicklung.
Unbekannt: was weder mir noch anderen bekannt ist. Talente, Muster, Möglichkeiten, die noch darauf warten, entdeckt zu werden.
Wer mit echter Passion führen will, also mit Klarheit, mit Energie, mit dem Gefühl, wirklich in der eigenen Kraft zu stehen, kommt aus meiner Sicht am blinden Fleck nicht vorbei!
Deine Johari-Übung in fünf Minuten
Ich lade dich ein, das wirklich heute zu machen.
Schritt 1: Wie siehst du dich selbst?
Wähle spontan sechs Adjektive aus dieser Liste so wie du dich selbst als Führungsperson erlebst:
geduldig * durchsetzungsstark * empathisch * analytisch * ruhig * inspirierend * direkt * zuverlässig * strukturiert * dominant * offen * mutig * fürsorglich * flexibel * entschlossen * nahbar * humorvoll * introvertiert * charismatisch * kreativ
Schreib sie auf. Am liebsten mit einem Stift und auf Papier, dann kommt es wirklich im Kopf an.
Schritt 2: Frag drei Menschen
Zum Beispiel: eine Person aus deinem Team, eine Führungskollegin und wenn möglich jemanden aus deinem Privatleben.
Stell nur diese eine Frage: «Welche sechs Adjektive beschreiben mich als Führungsperson am besten?»
Du brauchst nur 6 Worte und keinen weiteren Kontext.
Schritt 3: Vergleiche
Was nennen alle? Das sind deine bestätigten Stärken. Du kennst sie, andere sehen sie.
Was nennst nur du? Das sind Qualitäten, die du (noch) bewusst oder unbewusst für dich behältst.
Was nennen andere, aber nicht du? Das ist dein blinder Fleck. Und meistens das Aufschlussreichste.
Schritt 4: Lass das mal sacken
Spür mal rein und frage dich diese simple Frage: Was löst das in mir aus?
Überraschung? Erleichterung? Unbehagen?
Genau da beginnt echte Veränderung.

Veränderung braucht Raum und keinen perfekten Zeitpunkt
Hier ist etwas, das ich aus eigener Erfahrung weiss und das mir Klient:innen immer wieder bestätigen: Sie warten ab. Bis eine die ruhigere Phase kommt. Bis das grosse Projekt endlich beendet ist. Bis der richtige Moment gekommen ist, um endlich anzufangen.
Ich sage dir jetzt mal was: Dieser Zeitpunkt taucht nie auf.
Was hilft, ist das Gespür für das eigene «Warum» zurückzugewinnen.
- Wofür führst du eigentlich?
- Was macht diese Arbeit für dich bedeutsam?
- Was willst du wieder spüren? Diese Energie, diese Freude, dieses Gefühl, wirklich präsent zu sein?
Veränderungen können daher im Kleinen starten. Mit einem ehrlichen Gespräch. Einer Übung wie dieser. Zwanzig Minuten mit geschlossener Bürotür.
Es reicht, einmal wirklich hinzuschauen.
Im Artikel Der Erfolg ist da. Der Selbstzweifel auch. Und jetzt? schreibe ich über Menschen, die im Job alles geben und sich innerlich von sich selbst entfernt haben. Darin teile ich eine konkrete Mini-Coaching-Übung, mit der du sofort etwas gegen den Beweis-Modus im Job tun kannst.
Zurück zu Petra
Petra macht an diesem Dienstag etwas Ungewohntes.
Nach dem Meeting schliesst sie für zwanzig Minuten die Bürotür. Kein Laptop. Kein Slack. Sie nimmt ein Blatt Papier und schreibt sechs Adjektive auf. Dann schreibt sie kurze Nachrichten an drei Menschen.
Die Antworten kommen am Abend.
Eine davon trifft sie unerwartet.
«Stark», schreibt ihre Teamleiterin. «Ich erlebe dich als unglaublich stark.»
Petra muss das erst einmal verdauen. Denn sie fühlt sich gerade alles andere als stark.
Aber vielleicht, denkt sie, ist genau das der Anfang.
Du willst mehr davon?
Dann lass uns sprechen.
Über das, was gerade wirklich in deiner Führung, in deinem Kopf, in deinem Alltag passiert. Und über das, was möglich wäre, wenn du dir endlich diesen Raum nimmst.
Ich biete dir ein kostenfreies Kennenlerngespräch an. Vertraulich und ohne Agenda. Ein ehrliches Gespräch darüber, wo du stehst und wo es hingehen kann.
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Tanja
Hier schreibt Tanja Klaus. Ich bin Business Mentorin und Mental Coach im Raum Zug/Oberägeri. Ich begleite Experten die ihr eigenes Unternehmen führen, Führungskräfte und High Performer dabei, mit echter Passion zu führen und den Raum zu schaffen, den schlagkräftige und erfolgreiche Teams brauchen.







