Warum Perfektionismus dich ausbremst und wie du wieder ins Gestalten kommst
Jonas ist 40 und Marketing Director. Er führt zwei Teams, jongliert mehrere Kundenprojekte gleichzeitig und ist seit letztem Jahr einer meiner Mentees.
„Ich weiss, dass ich gut bin“, sagte er in unserer ersten Session. „Aber ich arbeite seit Monaten nicht mehr, um Ergebnisse zu erzielen. Ich arbeite, damit niemand merkt, dass ich innerlich eine grosse Unsicherheit verspüre und das Gefühl habe, dass ich hin und her schwanke.“
Diese Aussage fand ich bemerkenswert, weil sie so präzise formuliert, was Versagensangst im Beruf tatsächlich bedeutet: Es geht um Tarnung und nicht wirklich um Perfektion.
Wir sprechen heute viel über Leistung, Verantwortung und Ambitionen. Kaum jemand spricht darüber, was unter der Oberfläche passiert, wenn beruflicher Erfolg beginnt, von Angst gesteuert zu werden.
Menschen mit Versagensangst wirken von aussen häufig souverän, belastbar, strukturiert und sind oft sogar überdurchschnittlich leistungsfähig.
Doch im Inneren verändert sich die Motivation. Nicht mehr das Ergebnis steht im Fokus, sondern das Vermeiden von Fehlern. Aus Führung wird Kontrolle, aus Kreativität wird Korrektur, aus Selbstvertrauen wird Selbstverwaltung.
Perfektionismus und Versagensangst sind nicht dasselbe
Aber sie sind ein perfektes Team, wenn es darum geht, Menschen von ihrer Gestaltungskraft abzuschneiden.
Und genau hier beginnt oft ein weiterer, sehr trauriger Verlust: der Verlust der eigenen Passion.
Denn Passion ist nicht einfach Begeisterung oder Motivation. Passion ist eine innere Ausrichtung: ein Zustand, in dem Denken, Fühlen und Handeln miteinander stimmig sind. Wenn Versagensangst übernimmt, verschiebt sich diese innere Ausrichtung. Menschen arbeiten dann nicht mehr aus Überzeugung, sondern aus Absicherung.
Warum Versagensangst so versteckt bleibt
Versagensangst wird selten offen thematisiert. Der Grund ist simpel: Es ist beschämend.
Sie fühlt sich kindlich an, obwohl sie hochprofessionelle Kontexte prägt.
Sie wirkt irrational, obwohl sie psychologisch absolut nachvollziehbar ist.
Im Mentoring begegnet mir diese Angst vor allem bei Menschen, die viel Verantwortung tragen und die bereits viel erreicht haben. Je höher die Position, desto seltener wird die Angst offen ausgesprochen und desto intensiver wird sie kompensiert.
Versagensangst äussert sich dann vor allem in Vermeidung:
• man arbeitet sich durch scheinbar endlose Korrekturschleifen
• man sagt selten Nein (lies dazu gern vertiefend meinen Blogartikel: „Nein sagen ist ja sagen zu sich selbst“)
• man delegiert wenig
• man trifft Entscheidungen später
Besonders spannend ist da für mich: Viele dieser Verhaltensweisen wirken nach aussen engagiert und verantwortungsvoll. Innerlich führen sie jedoch oft dazu, dass Menschen den Kontakt zu ihrer eigenen Haltung verlieren. Und genau dort beginnt Passion zu verschwinden, einfach weil sie im Dauerfunktionieren keinen Raum mehr bekommt.
Versagensangst ist lernbar und verlernbar
Die Forschung ist heute ziemlich klar: Versagensangst entsteht selten im Erwachsenenalter. Sie wurzelt oft früh, im Kontext von Bewertung, Leistung oder Bindung und wird später zu einem automatisierten Schutzmechanismus.
Die Harvard-Forscherin Amy C. Edmondson zeigte in ihrer Arbeit zur psychologischen Sicherheit, wie stark die Angst vor Fehlern Berufsverhalten prägt. Teams, in denen „Fehlerfreiheit“ erwartet wird, lernen langsamer und handeln vorsichtiger. Dort, wo Fehler besprechbar sind, steigt die Lernkurve und die Leistung. Für mich ist das der Gegensatz von „Fehlerkultur“ im Gegensatz zu „Wachstums- und Entwicklungskultur“ in einem Unternehmen, zwei elementar unterschiedliche Blickwinkel auf dieses Thema, die entscheidend sind, wie es im Unternehmen zugeht.
Ein überraschender Befund ihrer Studie: Die leistungsstärksten Teams meldeten mehr Fehler, nicht weniger. Weil Fehler kein persönliches Risiko darstellten und es eine greifbare psychologische Sicherheit für alle Mitarbeitenden gibt.
Für Perfektionist:innen ist das zentral. Perfektionismus wirkt nach aussen leistungsstark, aber er ist energieintensiv.
👉 Mein Buchtipp von Amy C. Edmondson: Die angstfreie Organisation
Für Führung bedeutet das noch etwas Tieferes: Menschen folgen selten reiner Effizienz. Sie folgen Sinn, Klarheit und Authentizität. Der Leadership-Forscher Simon Sinek beschreibt das sehr treffend mit seinem Golden Circle. Menschen entwickeln Engagement nicht primär über das „Was“, sondern über das „Warum“.
Genau dieses innere Warum ist eng mit Passion verbunden. Wenn Führungskräfte den Kontakt zu diesem inneren Sinn verlieren, entsteht häufig ein Führungsstil, der korrekt funktioniert, aber keine Bewegung mehr auslöst.
👉 Mein Buchtipp von Simon Sinek: Frag immer erst: Warum
Meine 5 Strategien: Was hilft, wenn Perfektionismus kippt
Damit Versagensangst sich verändern kann, braucht es einen Perspektivenwechsel: weg vom „Was darf nicht passieren?“ hin zum „Was möchte ich gestalten?“.
Es geht um Selbstführung statt Selbstkontrolle.
In meiner Arbeit haben sich fünf Strategien bewährt:
- Die Angst sichtbar machen
Angst verliert einen grossen Teil ihrer Macht, wenn sie benannt wird.
Jonas merkte erst nach dem Aussprechen während des Mentorings, wie defensiv sein Arbeitsstil in der letzten Zeit geworden war. - Lernen durch Fehler wieder erlauben
Fehler sind kein Urteil über die Person, sie sind Information über den Prozess.
Das klingt banal, ist aber für Perfektionist:innen revolutionär. - Den Tunnelblick weiten
Wer Angst hat, analysiert sich selbst, statt die Aufgabe zu sehen.
Selbstdistanz (kognitiv oder imaginiert) öffnet Handlungsräume. - Nach Niederlagen nicht im Selbstbild stecken bleiben
Leistung ist episodisch. Identität ist langfristig. Wer beides verwechselt, zahlt drauf. Ich verwende in meinen Mentorings hierzu gern das „Triple A“ aus dem Spitzensport als Analogie: A – Akzeptanz, A – Analysieren, A – Anwenden der neuen Erkenntnisse. - Selbstfürsorge als Leistungsstrategie behandeln
Erholung ist kein Wellness-Konzept. Sie ist ein Produktivitätsfaktor. Das sage ich immer wieder!
Erst wenn Nervensystem und Kopf entlastet werden, kommt Gestaltungsfähigkeit zurück.
Das Schöne: Diese Strategien reduzieren nicht nur Versagensangst, sie erhöhen oft ganz beiläufig Lebensqualität, Kreativität und Führungsstärke. Win-win!
Hinter all diesen Strategien steckt ein gemeinsamer Kern: Sie schaffen Raum, damit Menschen wieder Zugang zu ihrer eigenen inneren Ausrichtung bekommen. Genau dort entsteht Passion.
Passion bedeutet nicht, ständig voller Energie zu sein. Sie zeigt sich eher als ruhige Klarheit darüber, wofür man steht, wie man führen möchte und welche Wirkung man im eigenen Umfeld erzeugen will.

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Akzeptieren
Realität anerkennen. Kein Widerstand, keine Ausreden. Klar hinschauen.
→ „Es ist, wie es ist.“ -
Analysieren
Reflektieren. Muster, Ursachen, Einflussmöglichkeiten erkennen.
→ „Was genau passiert hier? Was liegt in meiner Verantwortung?“ -
Anwenden
Handeln. Neues Verhalten testen. Umsetzen statt weiterdenken.
→ „Was tue ich konkret anders?“
Inhaltlich passt es übrigens sehr gut zum KRONE-Prinzip:
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Akzeptieren → Klarheit
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Analysieren → Offenheit & Reflexion
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Anwenden → Entschlossenheit
Wenn Passion zurückkommt, verändert sich Führung
Wenn Menschen ihre Passion wieder spüren, passiert etwas Spannendes:
Sie hören auf, Rollen zu spielen und beginnen, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Führung wird dadurch nicht härter oder ambitionierter. Sie wird klarer.
Entscheidungen werden nicht zwingend schneller getroffen, aber stimmiger.
Grenzen werden nicht aus Trotz gesetzt, sondern aus Selbstrespekt.
In Organisationen zeigt sich das oft deutlich:
Mitarbeitende verlassen selten Aufgaben, sie verlassen Atmosphären.
Passionierte Führungskräfte erzeugen häufig genau diese Atmosphäre, in der Entwicklung möglich wird. Fehler werden zu Lernmomenten, Leistung zu gemeinsamer Verantwortung und Zugehörigkeit zu einem stabilisierenden Faktor.
Psychologisch betrachtet ist das kein Zufall. Menschen brauchen Sinn, Sicherheit und Verbundenheit. Diese drei Faktoren entstehen besonders stark dort, wo Führung kongruent ist: wo Haltung, Verhalten und Kommunikation zusammenpassen.
Und Jonas?
Als wir uns vor einigen Wochen erneut trafen, hatte er angefangen, Entscheidungen wieder aus Ambition, statt aus Absicherung zu treffen.
„Ich merke wieder, wie viel ich kann, wenn ich mir nicht selbst im Weg stehe“, sagte er.
Das war der Moment, in dem ich lächeln musste.
Und noch etwas wurde sichtbar: Jonas begann wieder Freude an seiner Arbeit zu entwickeln. Weil er begonnen hatte, sich wieder mit seinem inneren Warum zu verbinden, obwohl der Druck nicht weniger wurde. Genau dort entsteht nachhaltige Leistungsfähigkeit.
Wenn du dich in Jonas wiederfindest: in der Tarnung, im Perfektionismus, in der Erschöpfung oder im Eindruck, ständig „nur mitzuhalten“, dann lohnt sich eventuell ein Mentoring, um dich wieder in deine eigene Gestaltungskraft zurückzubringen.
Gerne kannst du dies unverbindlich mit mir besprechen.
👉 Hier kannst du dir ein Kennenlerngespräch in meinem Kalender buchen.







